A Chance For Metal - Jan (April 2013)

Jan Müller ist nicht nur als der quirlige Schlagzeuger der Hessen DRAGONSFIRE bekannt, sondern auch mit seiner Bookingagentur A Chance For Metal und dem gleichnamigen Festival in Sachen Metal unterwegs. Wenige Tage vor der Zwei-Tages-Premiere des Festivals in Andernach trafen wir uns mit Jan, um das Thema A Chance For Metal und das kommende Festival etwas zu beleuchten.

Honk: Jan, A Chance For Metal ist ja ein Festival und deine Agentur. Beides gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Was ist deine Motivation zu sagen, ok, da will ich auch noch mitmischen?

Jan: Der wahre Underground. Es ist ja so, find ich zumindest, dass du an vielen Ecken und Enden merkst, dass es grade bei größeren Geschichten in so eine Klüngelei geht. Das hat ja nichts Eigenständiges mehr, da sind nur so Seilschaften, wo es darum geht, Leute zu kennen, die wiederum Leute kennen. Und da ist es dann ja so, dass für den wahren Underground und die Leute, die sich darin tummeln, einfach nicht mehr viele Plattformen stattfinden, wo die sich austoben. Mal abgesehen von irgendwelchen Jugendzentren, wo dann 70 Leute reinpassen und 15 Leute kommen.

Honk: Underground ist jetzt so ein Schlagwort, das gerne gebraucht wird, auch von mir. Was kennzeichnet denn für dich den wahren Underground? Hängt das mit Verkaufszahlen, einem bestimmten Musikstil oder der Intention, wegen der man letztendlich die Gitarre zur Hand nimmt, zusammen?

Jan: Ne, ich denke, das hat viele Facetten. Aber für mich ist es erst mal so, dass es da sehr gute und ambitionierte Bands gibt, bei denen aber Erfolg oder ein gewisses Maß an Erfolg einfach nicht stattfindet, weil die eben keine Kohle haben, um Anzeigen zu schalten oder sich bei einer Tour einkaufen zu können. Oder die einfach nicht die richtigen Leute kennen  oder Ärsche kennen, in die sie einfach rein kriechen müssen, damit es dann von alleine läuft. Das sind dann auch Bands, die keiner kennt, weil sie halt keine Plattform haben. Und da bin ich halt jetzt dabei, denen ein bisschen unter die Arme zu greifen. Das ist für mich dann der wirkliche Underground. Da sind halt auch Bands dabei, die Jahre aktiv sind und vielleicht auch einige Scheiben draußen haben und du merkst, die meinen das auch richtig ernst, aber die kommen halt nicht groß raus. Das ist dann für mich der wahre Underground.

Honk: Und welche Tätigkeitsfelder deckst du für diese Bands mit A Chance For Metal ab?

Jan:  Ich verstehe das in erster Linie als Netzwerk. Also ich mach dann halt hier und da mal ein paar Shows mit den Bands, dann natürlich die Festivals und was in letzter Zeit halt ganz gut läuft, ist einfach Leute miteinander zu vernetzen. Also TORIAN und MERCURY FALLING haben zum Beispiel jetzt zusammen ein paar Shows geplant. Oder der Sebi vom Metal Inferno Festival  in Paderborn hat mich mal angeschrieben, ob ich ein paar Leute wüsste, um sein Festival zu präsentieren. Und dann schreibst du halt mal dem Wolle von Metal Only eine Mail. Oder auch euch, The Pit, My Revelations und wie die alle heißen. Und dann hatte der letztendlich noch ein paar Präsentatoren mehr, um das Event auch noch ein bisschen bekannter zu machen. Wobei mir das auch wichtig ist, dass sich da niemand die Taschen vollmacht und das dicke Geld verdient, aber natürlich daher auch nicht so das große Budget vorhanden ist.

Honk: Lass uns über dein Festival reden: Was sind die Hintergründe und die Geschichte dahinter? Du hast das A Chance For Metal Festival sechs Mal in Rüsselsheim veranstaltet, jetzt die Expansion nach Andernach und die Ausdehnung auf zwei Tage. Was war der Hintergrund, dass du versuchst, das jetzt eine Stufe größer aufzuziehen?

Jan: Na, das war eigentlich ganz einfach. Nach dem letzten Festival in Rüsselsheim hat die Stadt gesagt, aus welchen Gründen auch immer, dass wir das Festival in Rüsselsheim nicht mehr machen können. Dann war hielt die Frage, was man jetzt macht, wo es stattfindet bzw. ob es überhaupt noch mal stattfindet. Und dann bin ich zum Juz gegangen und hab dem Thomas, dem Chef da, das Konzept vorgestellt. Und der meinte dann: „Wir machen das, aber an zwei Tagen.“ Wir haben dann entschieden, dass auszuprobieren. Es ist ja so: Du hast sechs Festivals gemacht und ziehst dann um, dann fängst du wieder bei null an. Du hast keine Erfahrungswerte und nix.  Und kaum war die Sache in Andernach klar, kam in Riedstadt der Kai Fastnacht ums Eck. Der ist bei der Stadt angestellt und macht da eigentlich ein Jugendhaus, hat aber auch Zugriff auf eine Halle. Und der fand es halt total schade, dass dann kein A Chance For Metal in Südhessen mehr ist und demnach hat es sich dann angeboten, nachdem wir die Parameter geklärt hatten, auch ein A Chance For Metal in Riedstadt zu machen. Deshalb gibt es jetzt das 2-Tagesfestival in Andernach am 03. und 04. Mai und am 05. Oktober ist dann noch das A Chance For Metal Festival in Riedstadt.

Honk: Bei deinen Festivals haben ja schon eine Menge Bands gespielt, jetzt in Andernach spielen wieder 15 Bands. Nach welchen Kriterien suchst du die Bands aus?

Jan: In erster Linie ist der Name A Chance For Metal Programm. Ich finde es immer geil, junge Bands dabei zu haben. Aber ich fahre halt auch viel rum und höre mir viel an und da fallen mir dann immer Bands auf, die sehr geil sind und wo ich mir dann immer sage: „Meine Fresse, jetzt spielen die hier vor 30 oder 20 oder auch nur 15 Mann.“ Oder auch Bands,  die nur selten spielen. Und dann geht es mir darum, dass man eine Auswahl trifft, wo die Qualität stimmt,  aber natürlich brauchst du auch ein paar Bands, wegen denen einige Leute kommen. Das ist dann so ein Mischverhältnis. Ich sage prinzipiell alles kann, nichts muss. Da muss man dann mal sehen. In Andernach werde ich jetzt zum Beispiel eine Bandbox aufstellen und jeder Besucher kann seine Wünsche auf einen Zettel schreiben. Und dann werde ich dann diese Bands auch wohl zum nächsten Festival buchen, wenn das denn möglich ist. Denn eins ist klar und es kann sich jeder halt auch denken, dass sich bei 12 Euro Eintritt weder die Bands, noch der Veranstalter die Taschen vollmachen und es eben hierbei auch darum geht, den Underground ein bisschen nach vorne zu bringen.

Honk: Gibt´s denn bei den Bands in Andernach eine Band, auf die du dich aus Fansicht besonders freust?

Jan: Auf ABANDONED. Auf ABANDONED freu ich mich persönlich am meisten, weil die zum einen beim ersten A Chance For Metal  in Rüsselsheim gespielt haben. Die haben ja jetzt  drei oder vier Jahre kaum gespielt und sind bis auf den Originalbassisten sind die auch alle am Start. Von daher freu ich mich auf ABANDONED am meisten, wobei ich sagen muss, ich hab ja alle Bands live gesehen, da ist keine Band dabei, die schlecht ist oder mittelmäßig oder nicht abliefert. Das gibt ein geiles Ding und da ist auch für jeden was dabei.

Honk: Du hast ja jetzt die Perspektive als Musiker, als Fan und auch als jemand, der im Hintergrund agiert. Was zeichnet für dich ein rundum gelungenes Festival aus oder was muss ein Festival bieten, um alle Parteien zufrieden zu stellen?

Jan: Zuerst natürlich ein gewisses gutes Preis-Leistungsverhältnis. Das fängt beim Eintritt an und geht dann zu den Getränken weiter. Und dann sag ich mal, obwohl ich es eigentlich nicht erwähnenswert finde, weil es Normalität sein sollte, dass auf jeden Fall friedlich und gesittet zugehen sollte. Denn wenn du draußen Schäden hast, egal ob Personen und materiell, ist das natürlich bedauerlich und schade und es kostet irgendjemanden Geld. Das ist einfach so. Das zum einen. Und zum anderen finde ich es unglaublich wichtig, eine Mischung an Bands hinzubekommen. Also ich mag harte Musik und auch weniger harte Musik, solange es Metal ist. Und da sollte halt eine Mischung sein, dass für jeden was dabei ist. Ich sag mal, bei den 12 oder 14 Euro Eintritt, wenn da jemand zwei Bands gut findet, kann man da eigentlich hingehen.

Honk: Wir haben eben schon ein wenig drüber gequatscht, als dummerweise das Band noch nicht gelaufen ist. Thema Konzertoverkill, Festivaloverkill, Festivalsterben. Auf der einen Seite können kleinere oder grade nichtkommerziell ausgerichtete Festivals nicht mehr existieren, auf der anderen Seite sind große Festivals in wenigen Tagen ausverkauft. Wenn du mal die Glaskugel auspackst: Wo siehst du die Festivalszene oder auch die Konzertszene generell in wenigen Jahren? Wohin wird die Reise gehen und welche Herausforderungen müssen gestemmt werden?

Jan: Das ist dann vor allem die Frage, wenn ich erreichen will und ob ich damit zufrieden bin, wenn ich diese Leute erreicht hab. Wenn ich ein Festival mache und keiner kommt, also jetzt wirklich niemand, muss ich mir natürlich die Frage stellen, ob das Festival Sinn macht. Klar ist natürlich auch, dass wenn jemand jahrelang da Geld drauf gelegt hat, auf ein Festival, das man organisiert hat,  und natürlich auch Zeit investiert hat, dass man dann auch ganz rational drüber nachdenken muss, ob man sich das leisten will. Aber letztendlich hängt es natürlich auch von einer riesigen Menge Idealismus ab, wenn du eine große und vielfältige Musikszene haben willst. Ich fänd es schade, wenn es nur noch um Wacken und riesige Festivals mit einem riesigen Kostenapparat gehen würde, wo die Leute dann, ich weiß nicht, was in Wacken jetzt ein Bier kostet, aber so vier Euro für ein Bier bezahlen. Wenn die Leute das wollen, dann sollen sie das machen, aber ich denk, man muss da Realist bleiben und Angebot und Nachfrage sehen. Hier ist mein Angebot. Ist die Nachfrage da, ja oder nein? Aber ich finde es dann letztendlich irgendwie komisch, wenn alle sagen, alles wird teurer. Grade auch Konzerte von größeren Bands. Ich denke, da muss man den Kleinen auch mal ´ne Chance geben, denn da steckt ´ne Menge Potential drin. Und ich find es dann auch spannender, auf irgendwelche Undergroundkonzerte zu gehen als in eine 1500er Halle.

Honk: Gut, ich bin mit meinen Sachen durch. Dein Schlussstatement? Außer, dass alle nach Andernach kommen sollen?

Jan: Ja, Schlussstatement ist einfach, dass alle nach Andernach kommen sollen. Und danach nach Riedstadt kommen sollen. Und unterstützt einfach den Underground. Auf jeden Fall mehr auf kleinere Konzerte gehen. Ich denke, wenn das jeder konsequenter betreiben würde und auch mal den Arsch von der Couch kriegen würde und, was weiß ich, hier im Florinsmarkt in Koblenz oder in Köln beim Adler MC oder in Bonn ein kleines Konzert anguckt, dann wäre das auf jeden Fall cooler, als wenn man sieht, wie Rammstein nur an vier Tagen die Lanxess Arena ausverkaufen. Das finde ich schon ein bisschen bedenklich.

Honk: Wunderbar. Dann sehen wir uns in zwei Wochen in Andernach.

Honk

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