Pokerface

Wir spielen keinen Pussy Metal!

Nachdem ich vor einiger Zeit das aktuelle Pokerface-Album „Game On“ rezensieren durfte und davon total geflasht war, freute ich mich wie Bolle auf die anstehende Tour. Dass dabei noch ein Interview-Termin mit Alexandra „Lady Owl“ Orlova herauskam, bedeute natürlich die Krönung des Ganzen. Wir, also die komplette Band und ich, trafen uns bei Theo im Biergarten des Café Zaal De Reunie in Holland zum zwanglosen Plausch; nicht ohne vorher Theos Angebot wahrzunehmen und mal ordentlich bei dem Gegrillten zuzulangen. Auf jeden Fall ergab sich ein sehr nettes Gespräch, auch mit den Mitgliedern von Feelament, die am Nachbartisch speisten. Die leichten Hindernisse, wenn zwei total unterschiedliche Muttersprachen zusammentreffen und man sich in einer dritten Sprache unterhält, meisterten wir mit Bravour. Manche Fragen musste ich des Verständnisses wegen ein wenig abwandeln, aber trotz allem wurde viel gelacht. Aber lest selbst!

Pistol: Hallo Alexandra, schön Dich hier zu treffen! Ich habe ein paar Fragen die die Fans interessieren. Wann wurde die Band gegründet, und wer sind die derzeitigen Mitglieder?

Alexandra: Hallo Pistol! Die Band wurde in 2013 gegründet, aber von den ursprünglichen Mitgliedern ist heute keiner mehr dabei. Es gibt also keine Gründungsmitglieder mehr in der Band, da alle Positionen neu besetzt wurden. Zurzeit bin ich, Alex, die Sängerin, dann Xen Ritter die Gitarristin, Dmitry spielt den Bass, Roman am Schlagzeug und unser neuer Gitarrist Michael. Wie ich schon sagte, wurde die Band 2013 von Doctor unserem Ex-Schlagzeuger gegründet. Er ist aber immer noch Mitglied; sozusagen ein Seelenverwandter.

Pistol: Und denkst Du, das es jetzt das endgültige Line-Up für Pokerface ist?

Alexandra: Hahaha! Ich hoffe das sehr, aber ich bin mir nicht sicher, ob es das endgültige Line-Up ist. Ich denke, es kann immer wieder mal Besetzungswechsel geben. Ich kann das so genau gar nicht sagen. Wir sind eben immer auf der Suche nach interessanten Musikern, die die Band weiter nach vorne bringen können und sie auch perfektionieren.

Pistol: Ihr kommt aus Russland; ein sehr weiter Weg. Kannst Du mir etwas über die Metal-Szene dort erzählen? Ist dort überhaupt eine Szene für Metal?

Alexandra: Hm, es ist verdammt schwierig über etwas zu erzählen, was eigentlich nicht existiert. (lacht herzlich) Ja, wir haben schon einige große Bands und auch Labels für Metal-Musik. Aber da gehören Pokerface und andere Underground Bands definitiv nicht zu. Die meisten Leute in Russland lieben es, Rap oder Hip Hop oder ähnliche Sachen zu hören. Die Metal-Szene ist recht armselig. Ja okay, sie existiert, aber es gibt wirklich nur einige wenige große Namen. Die sind aber schon immer da, also leider nichts wirklich Neues. Es ist sehr, sehr hart, dort eine neue Metal-Band von Bedeutung werden zu wollen. Es ist ein klein wenig einfacher als Metalcore-Band, weil wir das Metal-Label Booking Machine haben, wenn ich mich richtig an den Namen erinnere (ja, korrekt, Alex, das stimmt so – Anm. d. Verf.). So gibt es ein paar Möglichkeiten für Metalcore-Bands, aber trotzdem kann man nicht von einer richtigen Metal-Szene sprechen. Klar sie existiert, aber sie ist nicht wirklich von Bedeutung.

Pistol: Also gibt es durchaus Venues, wo man spielen könnte, aber es ist schwierig Gigs zu bekommen?

 

Alexandra: In Russland, meinst Du?

Pistol: Ja, genau.

Alexandra: Nein, es ist nicht schwierig, aber die Leute erwarten keine andere Band außer dem Headliner. Du kannst zum Beispiel den Support für eine bekannte Band spielen, aber das Publikum nimmt keine Notiz von Dir. Sie wollen nur den Headliner sehen. Sie erwarten nicht, dass noch jemand anderes dort spielt. Und die meisten mögen Dich einfach nicht. Trotzdem sind wir glücklich darüber, auch einige Shows in Russland spielen zu können. Wir sind glücklich darüber, dass manche Veranstalter uns haben wollen. Meistens ist es zwar nicht in Moskau, aber in Regionen, wo wir durchaus als neuer Headliner für neue russische Metal Festivals eingeladen werden. Ich hoffe, dass es positiv für uns ist.

Pistol: Und wie ist das durch Europa zu touren? Magst Du das? 

Alexandra: Ja, sicher! Für uns ist das eine ganz neue Erfahrung, durch West-Europa zu touren. Bisher waren wir nur in Ost-Europa unterwegs, und das ist eine total andere Erfahrung. Es ist wirklich gut! Aber zu touren ist immer schön.

Pistol: Ich habe vorher noch nie von Euch gehört, bis ich euer Album „Game On“ letztes Jahr für eine Rezension bekommen habe. Und dann war ich total geflasht, und ich denke, ich habe eine sehr gute Bewertung geschrieben (Alex wirft ein „Oh Danke“ ein) Warum gibt es so wenig Werbung für Pokerface?

Alexandra: Du meinst, in Europa? Ja, wir sind halt eine Independent-Band und haben kein Label oder einen Vertrag. Wir müssen alles selber machen, und wir tun wirklich alles, was uns möglich ist, um die Platte zu promoten. Wir versuchen alles, was uns in dieser Hinsicht möglich ist. Es gab auch schon mehrere Versuche, bei einem Label zu unterschreiben, aber das klappte nicht so richtig. Gut, wir haben bei einem französischen Label, M&O Music, unterschrieben. Das ist jedoch mehr so eine Partnerschaft. Sie sind also nicht unser Boss, sondern mehr ein Vertriebspartner. Das ist alles. Ja, wir suchen weiter nach einem guten Label.

Pistol: Warum sollten die Leute zu einer Live-Show von Pokerface gehen?

Alexandra: Weil (sehr langgezogen), hahahaha, es einfach gute Musik ist! Wir bieten eine gute Live-Show, und während der Show leben wir unsere Leidenschaft aus und versuchen, es den Leuten zu vermitteln. Und die Leute lieben es. Du kannst Dich nicht mehr an eine Show erinnern, wenn Du sie nicht gemocht hättest, oder? Es ist einfach gut, eben Qualität! (lacht)

Pistol: Und was macht einen Pokerface-Song aus? Um was geht es dabei? Manche Bands singen über Wikinger, Kriege und wieder andere über Liebe. Wie ist das bei Euch?

  Alexandra: Ach so, jetzt verstehe ich! Die meisten unserer Texte handeln überwiegend von dem inneren Krieg, den jeder irgendwann einmal mit sich führt; die eigenen Dämonen und Monster, weißt du? Das aktuelle Album handelt größtenteils vom Kampf mit den inneren Dämonen. Falls Du unseren aktuellen Videoclip „Creepy Guests“ gesehen hast, weißt Du, was ich meine. Ich spiele da mehrere Charaktere, die mit sich selber kämpfen. Und das ist es, wobei es in den meisten Stücken geht.

Pistol: Jetzt habe ich mal eine mehr private Frage an Dich: Du trägst den Spitznamen „Owl“ oder auch „Lady Owl“. Nun ist die Bezeichnung „Eule“ für eine Frau im Deutschen alles andere als nett gemeint. Wie kommt eine so sympathische, hübsche Frau wie Du zu diesem Spitznamen?

Alexandra: Haha, das kommt noch aus meiner Kindheit. Ich habe einfach immer alles mit Eulen gesammelt. Es ist wie mein Avatar. Aber ernsthaft: Ich habe als Kind in einem Biologie-Buch gelesen und sah auf einmal dieses Bild der weißen Eulen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Als ich später meinen ersten Computer hatte, habe ich angefangen, alles an Fotos und Videoclips über diese wundervollen Tiere runterzuladen. Dann begann ich, alles zu sammeln, was mit Eulen zu tun hatte, und ich tue das bis heute.

Pistol: Na, das ist doch eine interessante Geschichte! Gut, zur nächsten Frage: Hat sich der Ehrgeiz der Band seit Beginn verändert?

Alexandra: Nun, ich bin ja kein Gründungsmitglied, aber wenn ich mich recht erinnere, startete Pokerface als Cover-Band. Dann erst begann der Wechsel in Richtung einer starken Independent-Band. Die Band fing an zu touren. Klar sie wurden ehrgeiziger, und die Ziele änderten sich.

Pistol: Ja, genau das meinte ich. Wie weit würdet Ihr für den Erfolg gehen, und wo wäre die Grenze?

Alexandra: Ich bin mir nicht sicher, ob wir eine Grenze ziehen würden. Wir haben immer eine Menge an Herausforderungen, wenn wir auf Tour sind. Zum Beispiel ist unser Van aktuell defekt und steht in Lünen in der Werkstatt. Wir waren gezwungen, nach einer Lösung zu suchen, also mussten wir, um weiterzukommen, einen Ersatzwagen anmieten. So sehen wir uns öfter irgendwelchen Schwierigkeiten gegenüber, aber wir werden deswegen nicht aufhören, an uns zu glauben. Eine Menge Dinge, die wir eigentlich so nicht geplant hatten, aber deswegen werden wir nicht stoppen. Das sind die Dinge, die die meisten Leute ja gar nicht mitbekommen. Wir tun alles dafür, dass es weitergeht. Aufhören? Warum? Vergleiche es mit anderen Bands, die auch Erfolg haben. Nein, wir wollen keine Grenze ziehen.

Pistol: Und was sind Eure Pläne für die Zukunft?

Alexandra: Also, im Moment touren wir, und ich denke, dass wir im Herbst wieder kommen. Nach der Tour fangen wir dann damit an, ein neues Album zu schreiben. Dabei schauen wir auch einmal nach anderen Richtungen. Zurzeit spielen wir ja reinen Thrash Metal, aber ich denke, auf dem neuen Album werden wir auch ein paar Experimente wagen; mal mit verschiedenen Stilen herumprobieren, zum Beispiel mehr Melodic Death Metal-Elemente außer dem Thrash, wobei der Thrash-Stil aber immer noch die Hauptrolle spielen wird. Doch, wir möchten uns ja auch weiterentwickeln.

Pistol: Klar, Ihr habt ja jetzt schon eine gute Mischung. Was bevorzugst Du? Spielst du lieber in einem Club mit gemütlicher Atmosphäre oder auf großen Festivals weit weg vom Publikum?

Alexandra: Beides! Definitiv beides!

Pistol: Nun, viele Bands lieben den direkten Kontakt zum Publikum und wollen nicht ewig weit davon weg sein.

Alexandra: Na ja, es ist eine unterschiedliche Situation. Ich liebe beides, und ich liebe es, auf großen Bühne zu performen, weil du einfach mehr Platz zum Bewegen hast. Du kannst Deine Gefühle durch die Bewegung ganz anders ausdrücken. Und ich will mich bewegen! Auf kleineren Bühne habe ich einfach zu wenig Platz. Klar ist es auch toll, in einer kleinen Location direkt vor den Zuschauern zu stehen, aber es ist eben ganz anders.

Pistol: Heutzutage ist es sehr schwierig, von der Musik allein zu leben. Wie sieht das bei Euch aus? Habt Ihr noch normale Jobs?

Alexandra: Ja, natürlich! Wir haben ganz normale Jobs. Schließlich müssen wir ja die Band damit unterstützen. Na ja, Du weißt schon: nach vorne bringen. Die anderen haben alle normale Jobs. In meinem Fall ist es aber so, dass ich Musikerin bin. Ich habe viele Aufträge als Session-Sängerin für die unterschiedlichsten Projekte. Meine Arbeit ist die Musik. Derzeit hilft es natürlich, die Band zu fördern. Aber wir sind auch dabei, die Band auf das nächste Level zu bringen. Diese Tour läuft unter ganz anderen Bedingungen, weitaus besser als vorher. Derzeit brauchen wir unsere Jobs aber weiterhin.

Pistol: Letztes Jahr habe ich mit Eugene von Jinjer gesprochen. Er sagte mir, dass sie in der Ukraine ganz gut von dem Leben können, was eine Tour durch Europa einbringt.

Alexandra: Ja, das wäre schön! Alles Geld, was wir verdienen oder einnehmen, stecken wir in die Band. Manche von uns verkaufen Dinge, nur um die Band weiter nach vorne zu bringen. Es ist wie es ist, aber es ist gut, weil es nun mal unser Traum ist.

Pistol: Das ist Rock’n’Roll!

Alexandra: Ja, genau! Das ist es!

Pistol: Wer ist verantwortlich für das Schreiben der Songs, und wo probt Ihr?

Alexandra: Ja, wir mieten einen Raum. Wir haben keinen eigenen. Aber in Moskau gibt es sehr viele Proberäume, und Du kannst einen Raum für einige Stunden mieten oder für mehrere Monate. Bei der Produktion des letzten Albums haben wir unheimlich viel geprobt, teilweise jeden Tag. So konnten wir besser zusammen arbeiten, viel besser, als wenn jeder zuhause probt. Aber natürlich hat auch jeder zuhause daran gearbeitet oder komponiert. Dann wurde es zu jedem geschickt, und bei den Proben haben wir es dann zusammen gespielt. Für drei Songs von „Game On“ hatten wir einen Produzenten, haben uns dann aber entschlossen, es selber in die Hand zu nehmen. Wir haben recht schnell verstanden, wie es funktioniert. Natürlich haben wir auch jetzt vor der Tour unser Programm geprobt, aber nicht so extrem wie bei der Album-Produktion.

Pistol: Manchmal sind ja auch die Distanzen recht groß. Ich habe eine Bekannte, die in einer großen amerikanischen Band spielt. Sie lebt aber in Deutschland. Es ist also recht schwierig zu proben.

Alexandra: Vielleicht werden wir das in ferner Zukunft auch einmal so praktizieren müssen. Uns schweben da ein paar europäische Musiker vor, mit denen wir gerne einmal zusammen arbeiten würden. Wir werden sehen. Jedenfalls funktioniert dieses System auch. Ich denke, wir sind jetzt auf einem Stand, so dass wir auch als internationale Band arbeiten können.

Pistol: Wenn Leute Fotos von der Band sehen, reduzieren sie euch auf eine „Female-Fronted“-Gruppe. Ich finde das ziemlich dumm. Wie siehst Du das?

Alexandra: Ja, da stimme ich Dir zu. Es ist eine Musikgruppe, unabhängig davon, wer die Frontperson ist. Nimm zum Beispiel Nightwish und Arch Enemy: Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Musikrichtungen. „Female-Fronted“ ist doch kein Musikstil; vielleicht eine Gruppe von Bands oder so. Ja klar, wir gehören auch zu dieser Gruppe. Wir haben sogar zwei Mädels in der Band, aber das spielt keine Rolle. Schließlich spielen wir keinen Pussy Metal oder sowas. Du weißt, was ich meine!

Pistol: Auf jeden Fall! Eine Bekannte wurde mal in einem Interview gefragt, wie es denn wäre, als Frau Musik zu machen. „Ganz normal“, sagte sie. Ich kann nicht beurteilen, wie es als Mann wäre.

Alexandra: Oh ja, es ist einfach ein Mensch, der Musik macht.

Pistol: Gibt es eine Frage, die Du gerne beantworten würdest, aber die Dir noch nie jemand gestellt hat? Und wie wäre Deine Antwort?

Alexandra: Oh je, das ist eine einzigartige Frage! Ich hatte etwas im Kopf, aber es ist weg. Nein, tut mir leid. Da fällt mir gerade nichts zu ein.

Pistol: Macht ja nichts! Dann bin ich auch mit meinen Fragen am Ende angekommen. Möchtest Du noch etwas zu unseren Lesern sagen?

Alexandra: Als allererstes danke ich Dir dafür, dass Du gekommen bist und Deine Zeit für uns geopfert hast! Danke dafür, dass Du Dich mit Pokerface auseinander gesetzt hast und mich als eine interessante Person ansiehst, mit der Du ein Interview führen wolltest! Hört Euch gute Musik an, unterstützt die lokalen Bands, geht zu den Shows und lasst Euer Haar wachsen, um zu headbangen!

Pistol Schmidt

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